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Der feine Grad zwischen Bestraffung & Misshandlung

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Der feine Grad zwischen Bestraffung & Misshandlung

Notre expert

Gewalt kommt auch im 21. Jahrhundert weiterhin in Familien und auch gegenüber Kindern vor, das zeigen auch die neusten Studien zum Thema. Was dabei als Gewalt gilt und was als Gewalt wahrgenommen wird, kann unterschiedlich sein und oft ist der Grad zwischen Bestraffung und Misshandlung hauchdünn.

Gewalt in Schweizer Familien - Stand der Dinge

Der Kinderschutz Schweiz gibt regelmässig Studien in Auftrag, um Erkenntnisse über das Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz zu gewinnen. Dabei zeigt auch die neueste Studie von 2020, dass sowohl physische als auch psychische Gewalt an Kindern weiterhin zum Alltag gehört.

So hat die Studie gezeigt, dass:

  • in jeder Schulklasse im Durschnitt ein Kind zu finden ist, das regelmässig körperliche Bestrafung erfährt
  • psychische Gewalt bei jedem vierten Kind regelmässig angewendet wird.

Obwohl die Werte gegenüber 2017 gesunken sind, zeigt sich trotzdem eine gleichbleibende Tendenz in einer Subgruppe von Eltern, körperliche oder psychische Gewalt in der Erziehung anzuwenden. Wobei es wichtig zu verstehen ist, dass Kinder genauso unter körperlicher wie auch unter psychischer Gewalt leiden.

Die Studie zeigt ebenfalls, dass die Anwendung von Gewalt seitens der Eltern, nicht unbedingt geplant und bewusst gewählt ist. Ein grosser Teil der befragten Eltern wendet psychische oder physische Gewalt in Situationen an, in denen sie sich vom Kind geärgert, provoziert oder genervt fühlen und die Situation aus dem Ruder läuft. Damit wird gleichzeitig die Verantwortung für die Anwendung von Gewalt dem Kind übertragen und nicht bei sich selbst gesucht. Anders sehen es rund ein Viertel der Befragten und gaben als Grund für den Gewaltausbruch an, dass sie selbst übermüdet oder gereizt bzw. mit den eigenen Nerven am Ende waren.

Erziehungsziele beeinflussen Gewaltanwendungsgrad

Die Studie über das Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz hat ebenfalls gezeigt, dass die vorherrschenden Erziehungsziele der Eltern einen starken Einfluss auf die Häufigkeit der Gewaltanwendung haben.
So wenden Eltern, deren Erziehungsziele darin liegen, den Kindern Entfaltungsmöglichkeiten zu geben und authentisch zu sein weniger häufig Gewalt an. Hingegen kommt es bei Eltern, die grossen Wert auf Ordentlichkeit, Fleiss und Anpassungsfähigkeit legen, regelmässiger zu Bestrafungen.
Ein Unterschied ist zudem auch regional festzustellen. Während in der Deutschschweiz weniger Wert auf Verhaltenskontrolle gelegt wird, ist der Wunsch nach Angepasstheit im Tessin und in der Romandie höher.


Formen der Gewalt an Kindern

Die Diskussion darüber, was Gewalt gegenüber Kindern ist und wo sie beginnt, verläuft weiterhin kontrovers. Die Meinungen darüber, was als Gewalt gilt, gehen auseinander und sind auch von den jeweiligen Werthaltungen, landesspezifischen Regeln und kulturellen Normen geprägt.
Wichtig zu erkennen ist dabei, dass Gewalt nicht nur körperlich stattfinden kann und in all ihren Formen, insbesondere wenn es zur regelmässigen Ausübung kommt, negative Folgen auf die Gesundheit von Kindern hat. Grundsätzlich kann zwischen diesen Formen der Gewalt an Kindern unterschieden werden:

Körperliche Gewalt

Um körperlicher Gewalt handelt es sich immer, wenn auf die körperliche Unversehrtheit eines Kindes eingewirkt wird. Dies beginnt beim Stossen, Schlagen oder Treten der Kinder, bis hin zum Schütteln von Babys und Kleinkindern, Boxen, an den Haaren ziehen oder gegen die Wand schlagen u.v.m.
Es ist in der Schweiz leider weiterhin so, dass bestimmte Formen der körperlichen Gewalt von der Gesellschaft toleriert werden, wie beispielsweise der Klaps auf den Po, an den Ohren oder Haaren ziehen, Zwicken oder auch Ohrfeigen. Diese Aktionen werden oft als gängige Erziehungsmittel betrachtet und von der breiten Masse akzeptiert, obwohl sie schwerwiegende Auswirkungen auf die Unversehrtheit der Kinder haben können.
Bei schweren physischen Misshandlungen wie beispielsweise Verbrennungen, Quetschungen oder Schnitten sind oft sichtbare Zeichen zu sehen und die Gesellschaft ist sich einig: Sie sind in der Regel nicht akzeptiert.

Psychische Gewalt

Im Vergleich zu körperlicher Misshandlung ist psychische Gewalt oft schwieriger zu erkennen, insbesondere da sie keine sichtbaren Zeichen hinterlässt. Und doch sind die Auswirkungen mindestens so schwerwiegend, insbesondere wenn es immer wieder zu psychischer Misshandlung kommt. Am häufigsten finden psychische Gewalt in Form von verbalen und nonverbalen Handlungen statt, wie zum Beispiel die Äusserung von Drohungen, Demütigungen oder durch abwertende und verachtende Äusserungen. Doch auch Angstmachen, ablehnendes Verhalten oder Blossstellen zählen dazu, ebenso wie Liebesentzug.
Zu beachten ist auch hier, dass Kinder auch negativ betroffen sind, wenn die psychische - oder auch körperliche Gewalt - nicht direkt gegen sie selbst gerichtet ist. Auch das Miterleben von Gewalt, sei es physisch oder psychisch, hat eine schwerwiegende Implikation auf die Gesundheit der Kinder und kann als Misshandlung deklariert werden.

Vernachlässigung
Eine weitere Form von Misshandlung bzw. Gewalt an Kindern ist deren Vernachlässigung. Dabei wird ihnen, bewusst oder unbewusst, Zuwendung, Nahrung oder Fürsorge entzogen oder zumindest vernachlässigt. Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum Vernachlässigung ausgesetzt sind, hat dies sowohl körperliche als auch seelische und vor allem langfristige Auswirkungen. Je früher dabei die Vernachlässigung stattfindet, desto grösser sind die bleibenden Schäden, die sie mit sich zieht.
Zu finden ist Vernachlässigung grundsätzlich in jeder gesellschaftlichen Schicht, wobei sie oft in Beziehungsproblemen, selbst erlebter Misshandlungen der Eltern oder in finanziellen Problemen gründet.

Sexuelle Gewalt
Jede sexuelle Handlung gegenüber oder mit einer Person unter Ausnützung eines Machtverhältnisses gilt als sexuelle Gewalt. Es liegt in der Natur der Sache und versteht sich von alleine, dass somit sexuelle Handlungen mit oder gegenüber Kindern sexuelle Gewalt darstellen. Dabei beginnt sexuelle Misshandlung bereits mit sexualisierten Gesten und endet in sexuellen Handlungen. Der Kinderschutz Schweiz hat speziell zu diesem Thema eine eigene Themenseite mit weiteren Informationen.

Der Umgang mit Gewalt & Misshandlung
Wie bereits erwähnt und auch durch Studien belegt, findet die Misshandlung von Kindern oft nicht absichtlich oder geplant statt. Vielmehr ist sie oft das Ergebnis von Überforderung seitens der Eltern. Und doch: Es ist insbesondere wichtig zu erkennen, dass die Verantwortung darüber voll und ganz bei den Erwachsenen liegt und keinesfalls bei den Kindern zu suchen ist.

Im Umgang mit Gewaltäusserung fühlen sich viele Eltern im Nachhinein schuldig, haben ein schlechtes Gewissen und bitten die Kinder um Entschuldigung. Doch dies stellt langfristig keine optimale Lösung dar, insofern es trotzdem immer wieder zu Gewalt und Misshandlung kommt. Es gilt daher sich selbst zu hinterfragen und der Ursache für die gewaltvolle Reaktion in bestimmten Situationen auf den Grund zu gehen. Oft empfiehlt es sich auch, diesbezüglich Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich durch Profis unterstützen zu lassen. Die Lösung besteht nicht darin, die Dinge herunterzuspielen, denn jede noch so kleine Gewaltäusserung gegenüber Kindern ist unangebracht und gilt als Misshandlung - auch wenn gewisse Misshandlungsformen in unserer Gesellschaft weiterhin toleriert werden.

Wenn Sie sich weiter über das Thema informieren möchten oder nach Anlaufstellen für Hilfestellung und Beratung suchen,

finden Sie weitere Informationen auf der Website des Kinderschutzes Schweiz.

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Adressen

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Kinderschutz Schweiz

Die Stiftung Kinderschutz Schweiz setzt sich schweizweit dafür ein, dass alle Kinder in Schutz und Würde gewaltfrei aufwachsen können, dass ihre Rechte gewahrt werden und ihre Integrität geschützt wird.
Kinder schützen, Kinder stärken! Wir schützen Kinder vor Gewalt. Und stärken ihre Rechte.

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