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Enfant terrible - Ich ertrage mein Kind nicht mehr

Enfant terribleZusammenfassung einer Konferenz von Dr. N. Frenck, Kinderarzt FMH und Familientherapeut

Das Enfant terrible gibt es nicht. Das Kind ist schrecklich, weil ich es nicht mehr ertrage. An gewissen Tagen ertrage ich es besser, an anderen schlechter.

Das Enfant terrible entwickelt sich in Momenten, wo die Beziehung ich/es elektrisch geladen wird. Die Elektrizität oder Spannung kann dabei von mir aus gehen, vom Kind aus oder von jemand anderem. Das Enfant terrible kann nicht von sich aus entstehen. Es braucht dazu einen Anlass, der die Spannung erzeugt. Das kann zum Beispiel die Geburt von Geschwistern sein oder einfach das Nachhause kommen des Vaters am Abend.

Das Kind ist nicht schrecklich, sondern es verhält sich schrecklich. Und es verhält sich in meinen Augen in gewissen Situationen schrecklich. Dies kommt der Tatsache des Enfant terrible näher.

Das Familienleben ist wie ein Theaterstück, in dem eine Szene an die andere gehängt wird.
Jede Szene wird gespeichert und beeinflusst die Folgenden. Gleichzeitig speichern wir unsere Beziehung zu allen Familienmitgliedern. Diese Beziehung beeinflusst wiederum die nachfolgenden Familienbeziehungen, auch wenn eine Person im Moment einer Szene gar nicht anwesend ist. Diese ganzen Beziehungen formen durch einzelne Fäden das Familien-Beziehungsnetz. Für die Analyse des Enfant terrible muss das ganze Familiennetz in Betracht gezogen werden.

Was sollten die Eltern/die Kinder tun?
Das Ungewöhnliche in eine gewöhnliche Familie einzuführen erlaubt es, das Verhalten aller Familienmitglieder zu verändern. Sie sollen eine andere Rolle im Theaterstück übernehmen. Der Vater spielt die Mutter, die Kinder spielen die Eltern. Damit verhindert man die Routine, die eine Weiterentwicklung verunmöglicht.

Was können die Mitglieder tun, um das Theaterstück, sprich die Familiensituation, zu ändern?
• Jedes Mitglied kann ein Stück vorschlagen
• Die Eltern können ein Stück vorschlagen
• Alle Mitglieder können sich zwei Wochen Zeit geben, um ein neues Stück zu finden

Um das Stück zu ändern braucht es 3 Stossrichtungen:
• Den Wunsch
• Den Willen
• Das Können

Wo anfangen?
Was ist ein Verhalten? Ein Kind ist nicht schrecklich, es verhält sich schrecklich. Jedes Verhalten, passend und unpassend, ist gelernt. Jeder hat ein eingeimpftes Verhalten. Ein Verhalten wird meistens durch die Konsequenzen geformt: Wenn die Konsequenzen eines unpassenden Verhaltens erfreulich sind, wird sich das unpassende Verhalten wiederholen. Zieht unpassendes Verhalten keine Konsequenzen nach sich, wird sich das unpassende Verhalten sehr wahrscheinlich ebenfalls wiederholen.
Es muss Regeln geben, in denen die Eltern ihren Kindern von klein auf das gewünschte Verhalten genau aufzeigen. Damit befinden sich die Kinder in einer klaren Situation ohne Missverständnisse.

Hinter den Regeln stehen Sanktionen, falls die Regeln nicht eingehalten werden. Dabei gibt es wichtigere und weniger wichtige Regeln. Bei Kleinkindern reichen zwei bis drei Hauptregeln. Mutter und Vater müssen dazu an einem Strick ziehen und sich über die Regeln einig sein.
Die Regel Nummer Eins ist die Sicherheit: Darüber wird nicht diskutiert. Andere Regeln werden in der Familie vorgelebt und so aufgenommen.

Wenn wir von unserem Enfant terrible sprechen, ist es wichtig, ihm damit keinen Stempel aufzudrücken. Wenn wir sagen „Dein Verhalten ist schrecklich“ geben wir dem Kind die Chance, sich anders zu verhalten. Wenn wir sagen „Du bist schrecklich“ wirkt das auf das Kind wie eine Visitenkarte, die schwierig zu ändern ist.

Was tun, wenn ein Kind ausrastet?
Ein Kind rastet aus, wenn es ihm nützt. Die Krisen treten auf, wenn wir unserem Kind seine Grenzen aufzeigen oder es in seiner Autonomie einschränken. Man kann das Kind in den Arm nehmen, es in sein Zimmer schicken. Auf jeden Fall sollte man am eigenen Entscheid festhalten, denn sonst hat das Kind durch das Ausrasten sein Ziel erreicht.


Drei Fragen an Dr. N. Frenck:
Was fördert die Repetition eines Verhaltens?

Eltern müssen Erklärungen liefern. Wenn ein Kind schreit und weint, möchte es uns nicht zum Schreien bringen, sondern uns seine Autonomie zeigen. Eltern müssen nicht alles akzeptieren, können das Kind aber ausnahmsweise weitermachen lassen, um ihm den Grund einer Botschaft klar verständlich zu machen.

Ein Enfant terrible trägt schnell ein Etikett vom schrecklichen Kind und tut alles, um dieses Etikett auch zu behalten.
In dem Fall sind wir machtlos. Da muss man ihm eine andere Visitenkarte schmackhaft machen. Denn das Kind trägt sein Verhalten nach aussen. Es muss in eine andere Persönlichkeit investieren. Wenn ein Kind sich zum Beispiel gerne mit Informatik befasst, kann es die Rolle eines Experten für Video übernehmen. Indem er sich mit der neuen Rolle befasst, verblasst die alte Rolle. Die Investition in eine neue Rolle kommt in der Regel von der Familie und nicht von aussen.

Was ist, wenn ein Kind sich schrecklich gegen seinen grossen Bruder verhält und dieser das Enfant terrible nicht mehr erträgt?
Der Ältere muss sich verteidigen ohne dem Jüngeren weh zu tun. Die Eltern müssen dazu jedoch ihre Erlaubnis geben. Und wenn der Jüngere sich bei den Eltern beklagt, soll er getröstet werden, aber ohne dass sich die Eltern in den Konflikt einmischen.


  

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